Die Entschleunigung zieht ihre Kreise…

Meinungen, Informationen, interessante Aspekte – all das findet sich in dieser Sammlung rund um das Thema Slow Life.
Unser Anliegen ist es, die Slow Life Bewegung in ihrer Vielfalt abzulichten.
Diese Rubrik wird mit der Zeit ausgebaut bzw. aktualisiert werden.
Über Hinweise von Ihnen zu relevanten Artikeln, Informationen oder Veranstaltungen rund um das Thema Slow Life würden wir uns freuen.

Nehmen Sie gern Kontakt mit uns auf – auch zum Kommentieren und (kritischem) Anmerken.

Wir freuen uns!

Slow Tourism

Wir leben in einer so temporeichen Zeit, dass es nicht verwundert, dass sich unsere Schnelllebigkeit wie selbstverständlich auch auf das Reisen übertragen hat. Angereichert mit maximal gesteigerten Attraktionen, oft auch mit organisierten Adrenalinkicks und immer neuen Sinneseindrücke in möglichst kurzer Zeit, wurden Urlaube mehr und mehr vollgestopft mit Maximalvorstellungen aller Art. Die Angst, etwas zu verpassen, mag dabei ebenso eine Rolle spielen wie die Verdrängung (Abwertung) eigener körperlicher und seelischer Bedürfnisse. Es soll Menschen geben, denen der Blick in den Reiseführer Schuldgefühle auslöst, weil sie sich außerstande sehen, das alles schaffen zu können. Eine Stadt, in der man lediglich ein paar Stunden, ein Land, in dem man lediglich ein oder zwei Tage verbracht hat, als „besucht“ zu bezeichnen, erscheint damit fast folgerichtig.

Gleichzeitig werden in der Tourismusbranche die Grenzen der Entwicklung hin zu Menge und gern noch viel mehr Menge offensichtlich – die Natur ächzt, die mangelnde Nachhaltigkeit rächt sich überall, die Menschen werden Opfer ihrer eigenen Anspruchshaltung. Doch es tut sich etwas. Ob in Venedig, ob auf Sylt oder Mallorca – überall auf der Welt fragt man sich, ob jenseits von Pauschalurlaub, Massentourismus und Jetset-Mythos die neue Form des Reisens „Slow Travel“ nicht die bessere Wahl wäre. Wobei es Urlaube jenseits von Hektik schon früher gab: Urlaub auf dem Bauernhof, Kreativurlaube, Fahrrad- oder Rucksack-Touren, Hausbooturlaube, Hütten-Wandertouren, Camping – all das hatte und hat seine Anhänger.

© Christian Majcen

Slow Travel verstärkt diese Tendenz und stellt das bewusste und überschaubare Reisen in den Mittelpunkt. Slow Travel bedeutet, sich Zeit zu nehmen und sich auf Menschen und Orte einzulassen, statt sie zu konsumieren. Slow Travel kann uns lehren, wieder abschalten zu können, uns wieder auf eine Sache zu konzentrieren und kleinste Details in Ruhe zu wertschätzen. Natürlich gibt es auch unter den Slow Travellern Menschen, die Abwechslung lieben und gern verschiedene Aktivitäten verbinden. Doch das eine schließt das andere nicht aus. Es geht bei Slow Travel – ohne das Ganze künstlich zu überhöhen – um das Zulassen und um das Zusammenspiel von Tiefe, von Stille, von Dankbarkeit und viel genussvoller Lebensfreude.

Slow Travel beschreibt damit eine bestimmte Einstellung zum Reisen. Es fühlen sich Menschen angesprochen, die die Lust auf „weniger ist mehr“ auch im Urlaub verspüren und sich vom Streben nach Action und Adrenalin verabschieden. Menschen, für die auch regionale Reiseziele einen Reiz bekommen haben. Der Urlaub soll überschaubar sein, Raum für Spontaneität bereithalten. Die Menschen, die diese Art von Urlaub bevorzugen, wollen nicht mehr durchgeschleust werden oder passiv erlebte Spektakel abhaken. Sie wollen sich am Abend noch daran erinnern, was sie erlebt und gesehen haben. Sie begrüßen es, auch im Urlaub sich selbst zu begegnen. Eine Prise – oder auch mehr – Selbstfindung zu unterstützen und eigene Erfahrungen mit der Welt, aber auch mit dem eigenen Ich zuzulassen.

Slow Travel hat damit das Potenzial, unseren inneren und äußeren Horizont zu erweitern, trotz oder gerade wegen der Reduktion an äußeren Reizen. Wer sich mehr Ruhe im Urlaub gönnt, wird viel häufiger mit Klarheit und Motivation belohnt und spürt eher seinen inneren Reichtum. Der Slow Traveller ist nicht an einem kurzlebigen Wellness-Stopp im hektischen Leben interessiert. Vielmehr wünscht er sich einen Urlaub, der nach dem Slow-Effekt weiterwirkt und damit seine Lebensqualität spürbar und nachhaltig wachsen lässt bzw. die Möglichkeit, auch im Urlaub seinen Slow-Life-Lebensstils beizubehalten.

Slow Travel bietet bekanntermaßen auch Raum für ökologische Aspekte. Und allein das ist für viele ein Grund, den eigenen Urlaub anders auszurichten. Der Tourismusmarkt reagiert bereits: In den Reisekatalogen finden sich deutlich mehr regionale Urlaubsziele. Als Gegenteil zum Massentourismus wurde erfolgreich die neue Form von Erlebnisreisen etabliert: ob Esel-Trekking oder Urlaub im Kloster, ob Almurlaub oder Planwagentouren, ob Helfen im Urlaub (projektbezogener Urlaub) oder das vielfach wiederentdeckte Wandern, ob Yoga in den Bergen oder Kochkurse bei Winzern, ob Musik-, Garten- oder Kunstreisen, all das sind Aspekte von Slow Travel, die sich auch bei großen Reiseanbietern immer häufiger und für alle Geldbeutel finden lassen.

Und wen es nach wie vor im Urlaub in die Ferne zieht: entschleunigte und bewusste, wertschätzende und ressourcenschonende Slow-Travel-Elemente können auch dort ihre Chance erhalten. Selbst im entferntesten Urlaubsort kann der Slow Life Leitsatz mit Leben gefüllt werden: Weniger ist mehr!

Die Fachhochschule Westküste in Heide besitzt mit dem Institut für Management und Tourismus (IMT) einen der ersten Lehrbereiche in Europa, die sich dem Thema „slow tourism“ aus wissenschaftlicher Sicht widmen. Unter dem Begriff „slow tourism“ lassen sich diverse Arten des Tourismus zusammenfassen, die sich mit den Begriffen (Lebens-)Qualität, Entschleunigung, Sinnhaftigkeit, Muße, Tradition und Nachhaltigkeit beschreiben lassen.

Zurück

Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Bitte addieren Sie 6 und 8.
Blog-Abo