Die Entschleunigung zieht ihre Kreise…

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Slow Art

Von Angela Detmers, 2021

„Schneller, höher, weiter“ war einst die optimistische Fanfare beim Aufbruch in die Moderne. Wie bei jeder Entwicklung gibt es Kehrseiten – und deren Konsequenzen.

Fünf bis elf Sekunden. So viel Zeit verbringen wir im Durchschnitt bei einem Museumsbesuch vor dem einzelnen Kunstwerk. Das gilt auch für die Nofretete oder die Mona Lisa.

Oft geht es auch gar nicht anders, denn gerade in prominenten Häusern drängelt sich alles vor den Highlights. Häufig geht es auch nur darum, ein Foto zu machen; Oder mehr die kognitiven Informationen einer Beschriftung aufzunehmen, als sich auf das Kunstwerk einzulassen.

Fünf bis elf Sekunden. Das ist so viel weniger, als wir z. B. auf unser Handydisplay schauen. Unsere Konzentrationsfähigkeit - oder der Wille zur Konzentration – nimmt in einem beängstigenden Maße ab, unsere Aufmerksamkeitsspanne verkümmert.

Fünfzig Exponate in sieben Minuten, dreißig Sehenswürdigkeiten in zwei Stunden, zehn Städte in sieben Tagen, fünf Länder in … Wie schauen an, aber wir sehen nicht. Wir sind körperlich anwesend, der sinnliche Genuss – und manchmal auch der intellektuelle - bleibt ungenutzt.

Die Bewegung der „Slow Art“ verdanken wir einigen engagierten Künstlern, Kollektiven und Museen, die sich allesamt für ein bewussteres Auseinandersetzen mit Kunst-Exponaten aussprachen. Als Gründer gilt Phil Terry, denn der hatte 2008 mehrere Stunden vor Hans Hoffman’s Fantasia und Jackson Pollock’s Convergence im Jüdischen Museum in New York verbracht.

Danach veranstalteten 16 Museen ein Jahr später den ersten offiziellen Slow-Art-Day. 2020 feierte der Slow-Art-Day bereits sein 20jähriges Bestehen. Mehr als 200 Museen haben bisher daran teilgenommen und nehmen weiter teil: Von der Tate Modern oder das Victoria and Albert Museum in London und vielen anderen europäischen Museen über die National Gallery of Australia bis hin zu The Art Institute of Chicago. Rund 1500 Slow Art Kunstevents haben stattgefunden und das nicht nur in Museen, sondern auch in Galerien, Skulpturengärten, Fotoschauen etc.

Die Vertreter der „Slow Art“ plädieren dafür, dass sich in Sachen Kunstbetrachtung einiges ändern muss. Es gilt sich der Kunst zu widmen, statt sie zu konsumieren. Phil Terry, der Gründer des Slow-Life-Days erklärte, dass Besucher von Museen oder Galerien mehr gewohnt seien, Kunst auf ihren Ipads oder Mobiltelefonen anzuschauen und das in seinen Augen Slow Art das Gegengift zu einem solchen Format von Kunstbetrachtung darstellt.

Der Slow Art Day ruft dazu auf, sich länger auf ein Kunstwerk einzulassen, um eine tiefergehende Reflektion und damit ein größeres Verständnis für das Exponat entwickeln zu können. Es gilt es zu schauen, zu beobachten, nicht darum, zu urteilen und zu bewerten. Und gerade letzteres ist für viele von uns überaus ungewohnt. Nur betrachten und wirken lassen. Kein Urteil. Keine Bewertung. Die Verbindung mit den Themen Achtsamkeit und genereller Lebensentschleunigung ist unübersehbar.

Der Kunsthändler Michael Findley hat in seinem 2017 erschienenen Buch „Seeing slowly. Looking at modern art“ durchdekliniert, wie „Slow Art“ seiner Meinung nach aussehen könnte: keine Schilder lesen, keinen Audioguide nutzen und um Himmels willen keine Führung mitmachen. Stattdessen finden Betrachter ihren eigenen Weg.

So lauteten seine Vorschläge. Und die wurden aufgegriffen. Zum Beispiel in der Berliner Feuerle Collection, die von Beginn an nur 14 Besucher gleichzeitig in ihre Räume ließ (zu Coronazeiten sogar nur acht). Es gibt weder Labels an den Kunstwerken noch Einführungstexte an der Wand, Handys müssen am Eingang abgegeben werden. Führungen werden nicht angeboten. Stattdessen sind Experten als „passive Begleiter“ anwesend. Wer Fragen hat, kann sie ansprechen, ansonsten bleibt man alleine mit sich und seinen Gedanken. „Slow Art“ heißt also nicht nur weniger Besucher in einem Raum, sondern auch: die Erfahrung steht an erster Stelle, erst dann kommt der Verstand.

Wenn man will, kann man in diesem Zusammenhang sogar den Begriff Avantgarde bemühen: neue Wege zu beschreiten, auf eine Idee losmarschieren, die für andere erstmal einmal befremdlich wirken mag. Worum es allerdings nicht geht, neue Lifestyle-Erfolge zu initiieren.

In Deutschland gibt es etwa 6800 Museen. 2018 gab es rund 114 Millionen BesucherInnen. Das Konzept der Feuerle Collection ist vielleicht nicht überall anwendbar. Trotzdem sagen die Verfechter der „Slow Art“, Museen und Ausstellungshäuser müssten mehr dafür tun, die Menschen zum Innehalten einzuladen. Alle Institutionen müssten im Moment weg von der Idee der Masse, so sagt es Daniele Maruca, Direktor der Feuerle Collection in Berlin. Vielleicht denken einige Kuratoren/MuseumsdirektorInnen – nun, die Sorge vor Besucherströmen hätten wir gern. Aber insgesamt nehmen Museumsbesuche zu.

Daniele Maruca hofft, dass die pandemiebedingte Entschleunigung dazu führt, dass in Museumskreisen grundsätzlich über neue Präsentationsformen nachgedacht wird. Er ist dabei der Überzeugung, dass es Stille brauche, um Kunst wahrzunehmen.

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