Slow Life
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Essay: Slow Life – Luxus oder Notwendigkeit ©

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Sie sehen mich fern jeglicher Glorifizierung. Slow Life ist nicht die einzige Antwort auf alle Fragen zum Thema Lebensqualität. In meinen Augen braucht es um das Slow Life Prinzip auch keinen Hype, keine Predigten, keine bunten, esotherischen Schnörkel oder elitäre Zirkel der angeblich allein Wissenden.

Es reicht eine nüchterne Betrachtung unseres Lebensstils.

Slow Life ist zum einen das Gegenteil von der scheinbar endlosen Serie auf allen (Lebens-) Kanälen: Mein Leben als Drama – und ich bin der Star! Die Sucht nach Aufmerksamkeit und eine endlose Verwechslung von Aufregung mit Leben. Tumulte allenthalben.

„Das allgemeine Empfinden, um dieses Land stehe es schlimm, ist dem überbordendem Nachrichtenkonsum geschuldet. Früher las man morgens die Zeitung, regte sich auf, und dann wickelte man den toten Fisch in das Papier. Nix wurde dauernd aktualisiert, es gab keine Foren (…) kurz:
Man konnte sich den Rest des Tages um sein eigenes Leben kümmern.“
(Dieter Wischmeyer)

Zum anderen hat Tempo als globales Ziel die Führung erhalten. Es wird zum alles bestimmenden Faktor, der sämtliche Bereiche unserer Lebensführung durchdringt. Ich behaupte, dass die damit einhergehende gedankliche Verflachung ein Preis ist, der nicht nur hingenommen, sondern gewollt ist. Die Trennung des Menschen vom Kontakt zum ureigenen Selbst hin zu Werbungsversprechen und geförderter Denkunfähigkeit samt Verlust der eigenen Intuition ist staatlich bzw. politisch durchaus unterstützt (Stichwort Individualisierung u. a.).

Spannen wir den Bogen an dieser Stelle ruhig ein bisschen weiter, und schauen wir uns die Entwicklung an: All das permanente Geschrei, die verhängnisvollen psychosomatischen und stressbedingten Erkrankungen, die Vereinsamung vieler Menschen, all die Wut und der Hass, die Überforderungsgefühle, die Verunsicherung bis hin zur mutwilligen Zerstörung von öffentlichen und privaten Objekten, die Vernachlässigung von Ästhetik und Balance, von Anstand und ja, auch von Manieren, die Radikalisierung, die Infantilisierung der Bevölkerung usw.

Die meisten von uns schauen doch mit Schrecken auf eine Entwicklung, die beispielsweise Krankenhäuser sehenden Auges zu profitorientierten Konzernen hochjazzt. Oder darauf, dass alles, was aus Silikon Valley kommt, gottgegeben erscheint. Selbstverständlich gibt es nützliche Ergebnisse. Müssen wir deshalb das eigene Denken einstellen und automatisch zu dankbar nickenden Abnehmern werden? Müssen wir auch im Jahr 2021 noch darüber debattieren, dass nicht alles, was machbar ist, Sinn macht? Ist Sinn obsolet? Ein Luxusgut? Ist der Sinn gesetzt, wenn sich finanzieller Gewinn generieren lässt?

Inzwischen findet sich die Sehnsucht nach dem Slow in fast allen Lebensbereichen. Es gibt Slow Schooling, Slow Dancing, Slow Food, Slow Journalism, Slow Thinking, Slow Sex, Slow Traveling, Slow Living und so fort. Ihnen allen ist eins gemeinsam: Die Sehnsucht nach Qualität. Und für Qualität ist Zeit unabdingbar. Qualität braucht Bindung, Vertiefung – die ohne Zeit nicht herstellbar ist.

Werfen wir beispielsweise einen Blick auf unsere Arbeitswelt. Ich hege die Überzeugung, dass die meisten Menschen eine Sehnsucht nach Qualität in sich tragen. Eine Sehnsucht, selbst Qualität erbracht zu haben, Durchdachtes, Abgerundetes, Hand und Fuß soll das haben, was wir tun. Die Menschen wollen sich konzentrieren, einlassen. Sie wollen ja er-bringen, allein man lässt sie nicht.

Bei einer Sache zu bleiben, bedeutet, Nähe herzustellen. Eine Beziehung. So entsteht notwendiges (und gewünschtes?) Verantwortungsgefühl. Nur so sind mir die Dinge/Arbeiten/Menschen nicht egal. Doch unsere Arbeitswelt (bzw. die dafür Verantwortlichen) will gewaschen werden, ohne sich nass machen zu lassen. Sie will unser Verantwortungsgefühl für zu erledigende Arbeiten, aber sie schafft weder den Rahmen noch nimmt sie die menschliche Natur ernst. Wenn mein ganzes (Arbeits-) Leben von Schnelligkeit und Multitasking durchzogen ist, verlieren die Ergebnisse ihren emotionalen und qualitativen Wert. Eben weil es egal zu sein scheint. Kommt nicht mehr drauf an. Kümmert ja niemanden. Hauptsache Masse, Hauptsache schnell, Hauptsache billig und dabei so viel Bindung wie möglich kappen.

Wenn es jedoch nicht mehr interessiert, ob irgendetwas Qualität hat, dann braucht sich keiner über das Ergebnis zu wundern. Am Ende fühlt sich niemand mehr für irgendetwas oder gar irgendwen verantwortlich bzw. zuständig, denn der Mensch kann nicht unendlich aus sich selbst schöpfen, während die Umwelt ihn unentwegt zur Ader lässt. Wir heben kein Stück Papierabfall auf, während wir an der Bushaltestelle stehen und warten. Wir nehmen nicht eben mal den Besen und kehren ein paar Blätter auf dem Gehsteig weg. Wir holen die Feuerwehr, wenn ein armdicker Ast auf dem Gehweg liegt. Wir verlangen Versorgung auf der Notfallstation des Krankenhauses wegen kleinster Schnittwunden. Wir sprechen nicht mit dem Nachbar, sondern mit unserer Rechtsschutzversicherung, wenn uns etwas stört. Wir verteidigen lauthals unser Recht auf unser Recht. Und selbstverständlich sind wir - z. B. als Verbraucher/Stichwort billig – knietief an vielen hier beklagten Entwicklungen beteiligt.

Dabei bedürfen die meisten Menschen des tiefen Zufriedenheitsgefühls, etwas anständig zu Ende gebracht zu haben. Sich selbst und einer Aufgabe gerecht geworden zu sein. Das gilt nicht nur für die Arbeitswelt und soll keinesfalls ein Loblied auf die Perfektion sein. Es geht vielmehr um eine Art Baustein zur emotionalen Sättigung, was keinen Hunger nach Nahrungsmittel beschreibt, sondern das eigene Selbstwertgefühl nährt. Es gibt unendlich viel Studien, die einem intakten Selbstwertgefühl eine Fülle von Vorteilen zuschreiben: Wir können uns akzeptieren, so wie wir sind, wir sind gesünder und krisenfester, wir sind zufriedener mit unserem Leben, gelassener, können gut Fehler eingestehen und uns entschuldigen, wir sind geduldiger mit uns und anderen und entwickeln ein gesundes Gefühl von Demut und Dankbarkeit. Seelisch starke Menschen sind unverzichtbar, soll die Welt ruhiger und menschlicher werden, ohne letzteres illusionistisch zu überhöhen.

Doch so viele unbestrittene Vorteile der Kapitalismus und seine Akteure auch haben mögen – er bietet viel zu wenig Chancen, den Menschen und seine Natur anzuerkennen. Dabei sollen wir doch gesund bleiben, leistungsfähig und ever, ever motiviert. Haben Sie jemals eine Unternehmensphilosophie gesehen, bei der nicht der Mensch im Mittelpunkt stand? All das psychologische Wissen, was seit so vielen Jahrzehnten, teils Jahrhunderten vorhanden ist, wird in weiten Teilen ignoriert, belächelt, abgewertet oder gar bekämpft. All die genetischen Stempel aus den Urzeiten (vom Flucht/Kampf-Reflex, Stichwort Stressrelevanz, über Verdauungsabläufe, Stichwort Ernährung, bis hin zu psychologischen Erkenntnissen, Stichwort Bindung u. v. m.) werden machtvoll(!) beiseite gewischt.

Natürlich können wir ob des großen Handlungsbedarfs, der aus dem bisher Geschilderten sichtbar wird, stöhnend das Weite suchen. Wir brauchen ja nur durch eine Fußgängerzone zu gehen und könnten die ganze Welt retten: links der Stand für die Wale, rechts der Stand für die Kinder, dort vorne der Stand für den Tierschutz, weiter hinten die Rettung der Arktis, hier der Wald, dort der Fleischkonsum – ein schier endloser Parcour.

Fangen wir allerdings an, zunächst bei uns selbst nach gangbaren Lösungen zu suchen, wird der Handlungsbedarf überschaubarer. Einer der möglichen Anknüpfungspunkte ist das Slow Life Prinzip. Slow Life beschreibt in erster Linie eine Haltung. Sie ist untrennbar mit dem eigenen Sich-Selbst-Ernstnehmen verbunden. Wer sich selbst ernst nimmt, schätzt das eigene Denken. Wer sich selbst ernst nimmt, ist an einer gelingenden Selbstfürsorge interessiert. Wer sich selbst ernst nimmt, trifft eigene Entscheidungen. Und weiß das Sinnhafte vom Sinnlosen zu unterscheiden.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass unsere Welt mehr denn je Menschen braucht, die willens und in der Lage sind, in sich zu ruhen. Menschen, die mit warmen Herzen gelassen und unaufgeregt denken. Die zu Mitgefühl fähig sind, ohne sich darin zu verlieren, und die einen Tag, in dem nichts passiert, nicht als verloren empfinden, sondern als bereichernd. Es braucht Menschen, die sowohl der Nüchternheit als auch der Begeisterung einen Platz in ihrem Fühlen, Denken und Handeln einräumen mögen. Und die das Hier und Jetzt verteidigen. Aus vollem Herzen.

Ist das nun Luxus? Gar ein notwendiger Luxus? Gibt es das überhaupt – einen notwendigen Luxus? Wer entscheidet das? Verstehen wir unter Luxus nur noch den negativ konnontierten Überfluss? Und unter Notwendigkeit nur noch das Überlebenssichernde? Wollen wir denn wirklich nur noch durchatmen, Luftholen oder eben mal kurz zur Besinnung kommen dürfen? Verschnaufen oder wieder zu Atem kommen, hetzen, rennen, sprinten? Klingt das in ihren Ohren nicht auch wie eine Gebrauchtanweisung zum Überleben? Nur wollen wir ja leben. Nicht überleben.

Wenn Luxus in der korrekten Übersetzung „üppige Fruchtbarkeit“ bedeutet, ist es dann nicht genau das, was wir brauchen? Eine üppige Versorgung mit Zeit? Etwas, dass Früchte trägt und im besten Sinne bereichernd ist? Eine Zeit, die wir uns ebenso nehmen wie sie uns zugestanden wird? Geht es hier nicht gar um ein Grundbedürfnis nach Zeit – in Sinne von anhalten, verweilen, etwas vertiefen dürfen? Luxus beschreibt der Duden mit etwas, das über dem durchschnittlichen Lebensstandard einer Gesellschaft liegt. Ist das Bedürfnis nach Entschleunigung, Innehalten, Vertiefung und bleiben wollen nun ein übersteigertes? Oder ist es vielmehr ernst zu nehmen, sinnvoll und gar von volkswirtschaftlichem Interesse? Müssen unsere gesellschaftlichen Parameter für unseren durchschnittlichen Lebensstandard angepasst werden?

Mit all diesen Fragen ist unser Verständnis von Lebensqualität eng verknüpft. Unser Lebenstempo, unsere Bereitschaft für ein entschleunigtes Leben, unser Willen zu einer souveränen Haltung ist mit den genannten Entwicklungen verwoben. Doch gebe ich zu bedenken: was öffentlich gestrickt wird, kann persönlich aufgeribbelt werden. Welchen losen Fäden wir auch immer zuerst in die Hand nehmen: Verstricken wir sie zu einem entschleunigten, farbenprächtigen und überaus kostbaren Gewebe. Geben wir den Mustern genussvollen Spielraum. Und uns selbst auch. Ich nenne das Luxus pur. Für mich lebensnotwendig.

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